Kolumne 02/25
Marketa Kolarova, geboren 1974 in Tschechien, lebt seit 1997 in Wuppertal.
Sie arbeitet selbstständig als Garten- und Spielraumplanerin.
Der Text ist im Heft in der Muttersprache von Marketa Kolarova abgedruckt.
Hier finden Sie die Übersetzung.
Marx feat. Engels
Zu jedem Umsturz gehört die Beseitigung der alten Symbole. Als ich Mitte der neunziger Jahre nach Wuppertal zog, war in Tschechien bereits die Verwandlung vollbracht gewesen, politisch belastete Städte, Straßen und Institutionen umbenannt, Parolen, Bilder und Statuen weggeräumt. Als Kind hatte ich die allzu häufig abgebildeten bärtigen Männer nicht auseinanderhalten können, und gönnte jetzt der neuen Generation eine Vereinfachung. Alles, was noch blieb, waren Smetanas. Oder Dvořáks. Dass in Wuppertal die Hauptverkehrsstraße nach einem der zwei umgestürzten Herren hieß und dieser Name niemanden zu stören schien, wollte mir in Tschechien keiner glauben, Karl-Marx-Stadt hieß doch neuerdings auch schon wieder Chemnitz.
In meiner Kindheit war ich zunächst schwer sozialistisch indoktriniert gewesen, bis ich als Jugendliche ein paar Jahre zweifeln durfte, um dann im richtigen Augenblick bei der „Wende“ mitwirken und meinen Teenagerjahren Sinn geben zu können. Wahrscheinlich hatte ich sogar kurz an die neue urkapitalistische Chancengleichheit geglaubt, mich zusammen mit allen anderen auf der gleichen Startlinie gesehen und gefreut, bald unser Glück durch Anstrengung und Leistung verdienen zu dürfen. Doch sofort nach dem Startschuss wurden ein paar von uns wie durch Zauber nach vorne katapultiert, andere wurden langsamer, hatten zu hinken angefangen oder fielen sogar um. Manche hatten den Startschuss erst gar nicht gehört und warten bis heute. Nach der Wende wurden in Tschechien und vielen anderen osteuropäischen Ländern nicht nur die Symbole des alten Regimes beseitigt, es wurde auch alles auf links gedreht. Oder eher auf rechts. Das war doch das Mindeste, was die Diktatur des Proletariats verdient hatte! Und diese Laune überdauert in meiner alten Heimat bis heute. Wer sich dort für die Rechte der Angestellten einsetzt oder allzu deutlich sozial engagiert, wird als Kommunist beschimpft. Und das sind und bleiben diejenigen, die vor der Wende politische Prozesse inszeniert und vor allem in den fünfziger Jahren unschuldige Leute hingerichtet hatten. Sie hatten die Grenzen dicht gemacht und geschossen. „Kommunisten hätten längst verboten werden sollen.“ Der Satz „Es war doch nicht alles schlecht“ hat heute in Tschechien den gleichen Klang wie in Nachkriegsdeutschland.
Die Chemnitzer hatten einen bärtigen Riesenkopf behalten und vor ein paar Jahren durch den Spruch „Chemnitz ist weder grau noch braun“ ergänzt. Die Kulturhauptstadt Europas 2025 präsentiert sich trotz ihrer DDR-Vergangenheit selbstbewusst und ohne schlechtes Gewissen. In Wuppertal gibt es auch eine Statue, es müsste der Andere sein. Zu seinem 200. Geburtstag vor fünf Jahren wurden überall Fassadenbilder aufgemalt und Aktionen durchgeführt. Die Stadtverwaltungen von Chemnitz und Wuppertal ziehen Sachen durch, für die sie sich in Tschechien beinah vor Gericht verantworten müssten. Dabei glaubt an die Diktatur des Proletariats in Deutschland nur eine winzige Minderheit. Die Köpfe ihrer Väter sind zum Kulturobjekt geworden.
Eines der diesjährigen Chemnitzer kulturellen Projekte heißt #3000Garagen. Diese einfachen Bauten des kleinen Mannes, die im Sozialismus zu fast jeder Plattenbauwohnung gehörten und überwiegend als Gemeinschaftsprojekte erstellt wurden, gab es überall im Ostblock. Mein Opa hatte auch eine. Wenn meine Großeltern mit dem Auto von der Pilzsuche kamen, wurde Oma mit dem Pilzkorb vor dem Haus abgesetzt, und Opa fuhr fort. Als er aus der Garage auf dem Mofa zurückkam, hatte Oma schon das Abendessen fertig, die Pilze geputzt, eingekocht oder zu Trocknen ausgelegt und schimpfte liebevoll vor sich hin. Ich glaube, dass die Garage das Geheimnis ihrer langen Ehe war. Nicht nur die Chemnitzer können also Geschichten rund um die Garagen erzählen, sie sind aber die ersten, die auf die Idee kamen. Sie machen die Überbleibsel des Sozialismus durch künstlerische Aufbereitung sexy. Lasst uns in der Heimatstadt des anderen Bartträgers als Spiegelung bei der BUGA Wuppertal 2031 die Kleingärten präsentieren. Sie sind nämlich das Sozialistischste, was mir hier bisher begegnete, mit allen guten und auch schlechten Seiten. Ich skizzierte mir zum Projekt #800Gärten bereits ein paar Ideen, scheitere aber bisher noch an den gesetzlichen Ruhezeiten. Ob die Besucher bereit wären, nur flüsternd durch die Anlagen zu schreiten?

Kolumne 01/25
Malgorzata Duzynski, ist Diplom-Sozialpädagogin und 59 Jahre alt. Sie arbeitet bei der Stadt Wuppertal im Ressort Zuwanderung und Migration.
1987 ist Sie mit ihrem Mann aus Polen (Wrocław) ausgewandert. Sie schreibt darüber, wie Sie die Kultur hier in der Region erlebt, und was Sie aus der Kultur Ihrer Heimat vermisst.
Der Text ist im Heft in der Muttersprache von Malgorzata Duzynski abgedruckt.
Hier finden Sie die Übersetzung.
Dazwischen zu Hause
Wuppertal wurde im Jahr 1987 zu meiner zweiten Heimat – zu einem neuen und unbekannten Ort. Ich bin mit meinem Mann in dieser Stadt angekommen, mit dem Gepäck meines bisherigen Lebens in der einen Hand und andererseits mit einem leeren Koffer in der Hoffnung, ihn mit neuem Leben und mit neuen Erfahrungen zu füllen.
Ich wurde von einer neuen Umgebung mit neuen Menschen begrüßt, einer anderen Art der Kommunikation, einer anderen Mentalität und einer anderen Art zu leben, mit anderen Lebenserfahrungen, die unter anderem mit dem politischen System zusammenhängen. Ich war 22 Jahre alt. Ich machte mich auf den Weg, um die neue Welt zu erkunden. Die politische Lage in Polen und die Überzeugung, dass es keine Aussicht auf ein anderes Leben gab, waren die Gründe dafür, dass ich mit meinem Mann wegging und die Grenzen des Landes, in dem ich geboren und aufgewachsen war, verließ.
Ausgestiegen am Bahnhof Wuppertal-Elberfeld, wusste ich nicht konkret, was mich erwartete. Ich wünschte mir, eine andere Welt zu erkunden – und diese wollte ich ohne Grenzen. Gleichzeitig wollte ich, dass diese neue Welt auch mich kennenlernt. So kam es zu der ersten Herausforderung – der Suche nach gemeinsamen Kommunikationswegen, die es ermöglichen sollten, mich kennenzulernen, miteinander zu kommunizieren und sich gegenseitig zu verstehen.
Die Anfänge waren für mich aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht einfach. Das Ergebnis waren die Zusammenkunft überwiegend mit dem polnischen Kulturumfeld und die Teilnahme an Veranstaltungen, die von diesem Umfeld organisiert wurden. Als meine Sprachkenntnisse besser wurden, entwickelte sich in mir ein Gefühl von Mut, und die anfängliche Schüchternheit schwand immer mehr dahin. Es gab einen Moment, an dem ich spürte, dass ich mehr wollte. Also trat ich aus meiner Hülle der Unsicherheit hervor und machte mich auf den Weg, die Stadt kulturell zu erobern, indem ich (in gebrochenem Deutsch) Eintrittskarten für die Oper, fürs Kino oder für Veranstaltungen kaufte (organisiert von anderen Gruppen, darunter solchen, die die Kultur zweier Länder fördern). Es gab genug Auswahl.
Mein Glück war, dass ich die einheimischen Menschen schnell kennenlernte, die sich um mich und meinem Mann kümmerten und uns die Welt aus der Perspektive ihrer eigenen Erfahrungen zeigten. Wir haben hart und eifrig gelernt, und die Motivation war der Wunsch, uns an die neue Umgebung zu gewöhnen und uns in sie zu integrieren – dies ermöglichte es uns, die Angst vor Fehlern und Irrtümern zu überwinden, die wir regelmäßig gemacht hatten und über die wir oft gemeinsam mit anderen lachten.
So lernte ich Wuppertal, seine Geschichte und seine Kultur kennen, ohne den Kontakt zu meiner Heimatkultur zu verlieren und zu den Menschen, die diese Kultur geschaffen und gepflegt hatten.
Jeder von uns „Neuzugewanderten“ hatte die Wahl, wie sehr er/sie die neue Heimat kennenlernen wollte, die er/sie freiwillig gewählt hatte. Wir waren uns der Unterschiede zwischen unseren Ländern sehr bewusst, die unter anderem in deren politischen Systemen begründet waren. Gleichzeitig entdeckten wir viele Gemeinsamkeiten – die Musik von Chopin und Strauss, die Malerei van Goghs, Goethes Gedichte, viele ähnliche Traditionen und die gemeinsame Geschichte. Die Grenzen verschwanden hier.
Eine große Rolle bei der Auflösung der kulturellen Barrieren und Grenzen in Wuppertal hatten bereits damals wie auch heute die Caritas, der Polnische Club oder die Polnische Katholische Mission. Sie wurden für viele zu einer Brücke zum Kennenlernen der polnischen und der deutschen Kultur. Viele Projekte und Initiativen der Stadt Wuppertal sowie sozialer Organisationen ermöglichen Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kreisen den Zugang zu Kultur und kulturellen Aktivitäten. Ein gutes Beispiel hierfür sind die OST-WEST-KONTAKTE oder die Aktivitäten der Bergischen Musikschule, wo ich notabene seit Frühjahr dieses Jahres im Frauenchor WoW (Women of Wuppertal) mitsingen darf. Das gemeinsame Singen in diesem Chor ist für mich eine neue Erfahrung, die mir das Kennenlernen mir noch unbekannter Welten von Frauen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen bietet. Auch hier erlebe ich, dass die Grenzen verschwinden.
Eine wichtige Brücke der Integration durch Kultur war die Öffnung der Grenzen gen Osten, darunter Polen. Der Radius des Kennenlernens der Menschen, ihrer Geschichte, Tradition und Kultur wurde breiter, wodurch das Bild der Menschen aus Polen, das oft nur aus den Medien oder vom Hörensagen bekannt war, in vielen Fällen korrigiert werden konnte.
Trotz vieler kultureller Angebote in Wuppertal fühle ich persönlich ein wenig das Verlangen nach Mehr. Wenn ich das Programm der Stadthalle oder der Kinos durchblättere oder Radio Wuppertal höre, stelle ich fest, dass das kulturelle Programm mit Angeboten aus Polen intensiviert werden könnte. Persönlich fehlen mir beispielsweise polnische Musik oder die Ausstrahlung guter polnischer, international bekannter Filme, Auftritte des Theaters aus Polen, Besuche berühmter Persönlichkeiten aus der Welt der Kultur (und der Politik), polnische Literaturveranstaltungen mit den Autoren, aber auch ein polnischer Stand auf dem Weihnachtsmarkt in Barmen mit traditionellen polnischen Kunstgegenständen.
Ich wünsche mir, dass Polen nicht nur mit Bigos und mit Tourismus an das Polnische Meer nach Kołobrzeg in Verbindung gebracht wird; ich wünschte, dass unsere Unterschiede uns verbinden und dass wir neugierig aufeinander sind …
Ich bin und bleibe eine Between – ich lebe „dazwischen“ in zwei Welten, bei denen ich zulassen durfte, dass sie sich gegenseitig durchdringen. Es hat keine dieser Welten negativ beeinflusst oder ihr geschadet, im Gegenteil: Ich habe gelernt, in beiden zu leben. Es hat mich bereichert und mich unabhängiger gemacht, indem es mir das Gefühl gab, dass ich mich in jeder dieser Welten wie zu Hause fühlen kann.
