Kolumne 01/26

Halim Youssef (Helîm Yûsiv in kurdischer Form), geboren in Amude/Syrien, ist ein kurdischer Schriftsteller und Jurist. Seit 2000 lebt er in Deutschland und schreibt auf Kurdisch und Arabisch. Er erhielt 2015 den Kurdischen Romanpreis und ist Mitglied des deutschen PEN.  Seine Werke – Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke und Übersetzungen – erscheinen in mehreren Sprachen.

Wuppertal in meiner Tasche

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Ende 1999, in Syrien, waren bereits vier meiner Bücher in zwei Sprachen veröffentlicht. Ich schrieb Geschichten und Romane: auf Kurdisch, meiner verbotenen Muttersprache, und auf Arabisch, der offiziellen Staatssprache – allerdings über verbotene Themen.

In einem Land wie Syrien bedeutete ein solches Tun entweder, den Rest des Lebens im Gefängnis zu verbringen oder zu fliehen.

Da ich das Leben und die Freiheit liebte, floh ich. Am 21. März 2000 überschritt ich zufällig die Grenze des Todes und fand mich plötzlich als politischer Flüchtling in Deutschland wieder, obwohl ich bis dahin keinerlei politische Arbeit geleistet hatte – abgesehen von meiner literarischen Tätigkeit.

Vielleicht war das unausweichlich: Ich kam aus einem Staat, in dem schon das Schreiben in der eigenen Muttersprache als politischer Akt galt.

 

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Es war das Jahr 2003, drei Jahre nach meiner Ankunft in Deutschland. In Berlin hatte ich gerade das Aufenthaltsrecht erhalten. In diesen Jahren gab es keine Sprachkurse, keine Möglichkeit, an einer Universität zu studieren.

Ich hatte mein Jurastudium an der Universität Aleppo abgeschlossen und wollte es in Deutschland fortsetzen – nicht, um eine berufliche Sicherheit zu erlangen, sondern um die Werke meiner Lieblingsautoren und Philosophen auf Deutsch zu lesen.

Kafka, Nietzsche, besonders Also sprach Zarathustra, dass ich zuvor auf Arabisch verschlungen hatte.

Um meinen Lebensunterhalt zu sichern, musste ich all meine romantischen Träume und literarischen Fantasien beiseiteschieben und mir eine Arbeit suchen. Da ich die deutsche Sprache noch nicht gut beherrschte, war ich auf meine Muttersprache angewiesen. Die Arbeit bestand darin, ein literarisches Programm für einen kurdischen Fernsehsender zu moderieren. Als ich nach dem Arbeitsort fragte, sagte man mir, die Produktionsfirma befindet sich in einer Stadt namens Wuppertal.

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Ich rief einen Freund aus meiner Kindheit an. Er lebte in Wuppertal und arbeitete als Taxifahrer. Am ersten Tag nahm er mich mit nach Hause, brachte eine ausgedruckte Karte der Stadt mit. Wir legten die Karte auf den Tisch, und er markierte mit einem Stift alle Orte, die ich brauchen würde. Er bat mich, sie in meine Tasche zu stecken. Dann sagte er erleichtert:

„Du weißt, dass ich früh zur Arbeit muss. Jetzt ist ganz Wuppertal in deiner Tasche. Du kannst durch die Straßen streifen, deinen Weg nach Hause finden, bis wir eine Wohnung für dich gefunden hatten, die du mieten würdest.“

Als ich ihn bat, mir von Wuppertal zu erzählen, lächelte er:

„Für dich gibt es hier nur zwei wirklich interessante Dinge. Erstens: Die Stadt von Friedrich Engels. Ich werde dich in den kommenden Tagen zu seinem Haus führen. Du wirst es genießen, seine handgeschriebenen Manuskripte zu sehen. Zweitens: die Schwebebahn. Überall auf der Welt fahren Züge auf der Erde – nur hier gleitet ein Zug durch die Luft, kopfüber.“

In jenen Tagen steckte ich die Karte von Wuppertal in meine Tasche und wanderte durch ihre Straßen, Straße für Straße, bis ich jeden Winkel kannte. Ich suchte nicht nur eine Stadt, sondern vor allem eine Heimat.

Heute, mehr als zwanzig Jahre später, ist die Karte von Wuppertal wieder in die Tasche meines Herzens zurückgekehrt.

 

Halim Youssef
Halim Youssef 

Kolumne 04/25

Kenji Shinohe iwurde 1990 in Iwate (Japan) geboren und wohnt und arbeitet derzeit in Wuppertal als Tänzer und Choreograph.
Die Kolumne übersetzte Katharina Speelmans. Vielen Dank!

Mein Lebensweg in Wuppertal

Guten Tag, ich freue mich sehr, mich hier vorstellen zu dürfen. Mein Name ist Kenji Shinohe. Ich bin Tänzer und Choreograph aus Japan und wohne derzeit in Wuppertal. In diesem Artikel möchte ich von meinem bisherigen Lebensweg und meinem Leben in Wuppertal erzählen.

Ich wurde 1990 in Iwate geboren. Ich wuchs mitten in der Natur auf – meine Heimatstadt ist von wunderschönen Bergen und Reisfeldern umgeben.

Als ich fünf Jahre alt war, nahm mich meine Großmutter das erste Mal mit in ihren Gesellschaftstanzkreis, den sie regelmäßig besuchte. Diese Gruppe traf sich wöchentlich im Gemeindezentrum des Dorfes, um gemeinsam Sport zu treiben und sich fit zu halten. Dort tanzten viele ältere Menschen auf Tatami-Matten Gesellschaftstänze – das war meine erste wirkliche Tanzerfahrung.

Als Teenager war ich ein großer Rock-‚n‘-Roll-Fan. In der Highschool spielte ich Bassgitarre in einer Band, verbrachte aber mehr Zeit damit, meine Bühnenauftritte und meine Bewegungen für Live-Auftritte zu üben, als tatsächlich zu spielen.

Mit achtzehn begann ich dann mein Studium in Tokio. Dort traf ich Kommilitonen, die ebenfalls Theater spielen wollten, und sammelte Erfahrungen in mehreren Theaterproduktionen mit der studentischen Theatergruppe. Im Jahr 2010, als ich 20 Jahre alt war, aß ich gerade in der Mensa zu Mittag, als mich eine Kommilitonin fragte: „Ich habe Karten für eine Aufführung einer deutschen Tanzkompanie, aber ich bin gerade knapp bei Kasse. Würdest du sie mir abkaufen?“ Es handelte sich um Tickets für eine Tanzaufführung in einem Theater in Tokio. Die Plätze waren die günstigsten, in der hinteren Reihe des dritten Rangs, aber sie kosteten trotzdem noch umgerechnet um die 90 Euro.

Für einen Studenten wie mich war das ein exorbitanter Preis. Dennoch fühlte ich mich von dem seltsamen Reiz des Namens der Kompanie und des Choreografen angezogen und kaufte ihr die Karte sofort ab. Die Kompanie war  das „Tanztheater Wuppertal Pina Bausch“, und die Stück hieß KOMM TANZ MIT MIR. Am Eingang des Veranstaltungsortes waren Fotos der Choreografin ausgestellt, und die Leute standen mit gefalteten Händen davor und einige weinten sogar. Es war die erste Japan-Tournee der Kompanie nach Pinas Tod, und viele japanische Fans vergossen Tränen vor ihren Fotos. Es war das erste Mal, dass ich selbst Tickets für eine Tanzaufführung gekauft hatte, und da ich nichts über diese Kompanie wusste, fühlte ich mich dort wahnsinnig fremd. In dem großen Theater in Shinjuku war mein Platz am weitesten von der Bühne entfernt. In dem Stück traten über zwanzig Tänzer auf, die frei heraus sangen und tanzten und dabei alle Missverständnisse zwischen Männern und Frauen, die Leidenschaft, die sie suchten, Liebe und Trauer zum Ausdruck brachten. Als ich das alles mit ansah, durchfuhr mich eine Art Schock, ein Gefühl wie ich es noch nie zuvor empfunden hatte. Auch die Hauptdarstellerin des Stücks begann bei der Verbeugung zu weinen. Diese Frau war Josephine Ann Endicott, die beschlossen hatte, nach dieser Japan-Tournee in den Ruhestand zu gehen. (Später sah ich sie allerdings noch mehrmals in Wuppertal auf der Bühne.)

Nach der Aufführung von KOMM TANZ MIT MIR wollte ich selbst unbedingt so tanzen können wie die Menschen dort auf der Bühne. Aber ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. In den Broschüren der Tanzschulen fand ich Angebote wie „Ballett“, „Hip-Hop“ und „Jazz Dance“, aber das war nicht das, wonach ich suchte. Dann erzählte mir eines Tages ein Freund, dass Tänzer des Tanztheaters Wuppertal einen Workshop in Tokio veranstalten würden. Es war ein fünftägiger Workshop mit Fabien Prioville und Azusa Seyama, der 300 Euro kostete. Das war für mich damals eine astronomische Summe, aber ich meldete mich sofort an. Während dieses Workshops kam ich zum ersten Mal mit Choreografie in Berührung und machte meine ersten Erfahrungen mit dem Erfinden von Tänzen.

2011 kam Wim Wenders’ Film „Pina” in Japan in die Kinos. In Tokio fand eine Vorpremiere statt, und ich ging schon früh morgens zum Kino, um mir eine Eintrittskarte für diese Abendveranstaltung zu sichern. Sobald die Kasse öffnete, kaufte ich eine Tageskarte. Als ich mich umsah, stellte ich jedoch fest, dass ich die einzige Person in der Schlange war. In diesem Film erzählten Tänzerinnen und Tänzer von ihren Erinnerungen an Pina, während sie auf den Straßen der Stadt tanzten. Durch diesen Film erfuhr ich, dass die Stadt mit ihren markanten Schwebebahnen Wuppertal hieß. Ich sah mir diesen Film fünfmal im Kino an und kaufte ihn anschließend auf allen verfügbaren Medien – DVD, Blu-ray und Streaming-Diensten –, um ihn mir unzählige Male anzusehen.

Ich begann mich für Choreografie zu interessieren und arbeitete als Choreograf an den Produktionen der Theatergruppe eines Freundes mit. Obwohl es nur eine kleine Gruppe war, entdeckte ich die Freude daran, neue Werke aus dem Nichts zu schaffen, Aufführungen zu planen und sie vor Publikum zu präsentieren.

Das Choreografieren für Theaterproduktionen machte mir Spaß, aber nach und nach reizte mich die Vorstellung, selbst auf der Bühne zu tanzen, immer mehr. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wo ich anfangen sollte. Ich stellte mir vor, dass Tanzaufführungen im Theater, wie zum Beispiel Ballett, eine strenge Ausbildung von Kindheit an erforderten, und meine einzige Erfahrung war Gesellschaftstanz, den ich damals mit meiner Großmutter gelernt hatte. Außerdem war ich zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre alt, und Tanzschulen, die bereit waren, Männer in diesem Alter von Grund auf zu unterrichten, gab es nicht gerade oft. Die wenigen offenen Kurse, die es gab, waren für mich unerschwinglich teuer, sodass ich bestenfalls einmal pro Woche teilnehmen konnte. Während ich darüber nachdachte, kam mir die Idee, an einer deutschen Universität von Grund auf Tanz zu studieren. Bei meinen Recherchen stellte ich fest, dass deutsche Universitäten nicht die in Japan üblichen exorbitanten Studiengebühren verlangten. Außerdem erfuhr ich, dass die Folkwang Universität der Künste in Essen genau die Schule war, an der Pina Bausch unterrichtet hatte. Diese Entdeckung löste schließlich meine Unentschlossenheit und ich beschloss, mich für eine Aufnahmeprüfung zu bewerben.

Im Sommer 2015 betrat ich zum ersten Mal deutschen Boden. Da ich nicht wusste, wie man mit dem Zug fährt oder Fahrkarten kauft, kam ich erst weit nach Mitternacht in meiner ersten Unterkunft an. Die Wohnungstür war verschlossen und ich wusste nicht, wie ich hineinkommen sollte. Erschöpft von dem langen Flug verzweifelte ich bei dem Gedanken, im Park übernachten zu müssen. In diesem Moment sah ich jemanden, der dasselbe Gebäude betrat. Ich sprach ihn in meinem gebrochenen Englisch an und schaffte es irgendwie, in dieser Nacht im Flur der Wohnung zu schlafen.

Am Tag der Aufnahmeprüfung betrat ich das Studio der Universität und sah als Erstes die Tänzerin aus dem Film von Wim Wenders, den ich mir immer wieder angesehen hatte, zwischen den Professor*innen sitzen. Diese Tänzerin war Malou Airaudo, die damalige Leiterin der Tanzabteilung. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Hollywoodstar getroffen, und war furchtbar nervös. Das Folkwang-Vorsprechen bestand aus Ballett, Modern Dance und einem einminütigen Solo-Tanz, den ich selbst choreografiert hatte. Bei den Teilen Ballett und Modern Dance verstand ich kein Wort von dem, was die Lehrer sagten, und ahmte einfach nach, was ich sah. In der Pause sprach mich einer der Professoren an, und ich erklärte ihm meine Situation. Tatsächlich hatte ich mein gesamtes Haus und alle meine Möbel in Tokio verkauft und nur ein One-Way-Ticket gekauft. Der einzige Koffer, den ich mitgebracht hatte, enthielt meinen gesamten Besitz. Wenn ich die Aufnahmeprüfung nicht bestehen würde, könnte ich nicht zurückkehren und hätte auch keinen Ort, an dem ich wohnen könnte. Anscheinend kam diese Geschichte während der anschließenden Besprechung der Professor*innen nach der Aufnahmeprüfung zur Sprache. Obwohl ich fast keine Tanzerfahrung hatte und definitiv einer der Ältesten dort war, beschlossen sie schließlich, mich zuzulassen.

Nach meinem Abschluss im Jahr 2019 zog ich von Essen nach Düsseldorf und begann als freiberuflicher Tänzer zu arbeiten. Im Sommer 2021 erhielt ich plötzlich einen Anruf von einer unbekannten Nummer. Der Anrufer fragte: „Möchtest du ab nächster Woche an einem dreiwöchigen Residenzprojekt teilnehmen? Der gebuchte Choreograf musste wegen COVID absagen.“ Ich fragte erst einmal: „Entschuldigung, wer ist da?“ Der Anrufer war Pascal Merighi, der mich einlud, der erste Residenzkünstler der Tanzstation zu werden, einem Studio, das er und Thusnelda Mercy neu in Wuppertal gegründet hatten. Ich sagte sofort zu und schuf das Tanzstück „Action Briquette“. Dies wurde mein erstes abendfüllendes Solo-Stück. So begann ich für meine Beteiligung an verschiedenen Projekten der Tanzstation. Mal vor dem Bahnhof Barmen, mal vor Picassos Werken im Von der Heydt-Museum, mal in einem leerstehenden Geschäft am Alten Markt. Es fühlt sich merkwürdig, aber doch aufregend an, dass ich nun in genau der Stadt tanzte, die ich so oft in Filmen gesehen hatte.

Dann, im Jahr 2023, zog ich nach Wuppertal. Durch mein Leben hier lernte ich die Stadt besser kennen und traf viele verschiedene Menschen, nicht nur aus der Tanzszene. Ich begann, Veranstaltungsorte wie „Ort“, „Loch“ und „Insel“ nicht nur wegen Tanzaufführungen zu besuchen, sondern auch, um Jazzkonzerte zu hören, die ich liebte. An meinen freien Tagen ging ich gerne in den Grünen Zoo oder in die Unihalle, um mir Spiele der Handballmannschaft Bergischer HC anzusehen.

Selbst heute noch, wenn ich mit der Schwebebahn zu den Proben fahre, kehrt das Gefühl zurück, das ich auch damals als Student in Tokio hatte. In Wim Wenders’ Film fährt eine Tänzerin mit der Schwebebahn und erzählt dabei ihre Geschichte. Ich erinnere mich an diese Szene, während ich von meiner nächstgelegenen Station, dem Robert-Daum-Platz, zur Tanzstation an der Station Barmen fahre. Von einem Studenten in Tokio, der davon träumte, Tänzer zu werden, fahre ich mit diesem fliegenden Zug durch Zeit und Raum, und verbinde meine Vergangenheit mit meiner Gegenwart. Als ich die Studiotür der Tanzstation öffne, erklärt mir die Tänzerin, die in dieser Schwebebahn getanzt hat, das nächste Projekt. Ich beginne zu tanzen und stelle mir voller Vorfreude die Menschen vor, die ich bei der nächsten Aufführung treffen werde.

Kenji Shinohe, Foto: Ralf Silberkuhl
Foto: Ralf Silberkuhl

Kolumne 03/25

Zahra Hassanabadi wurde 1964 in Shiraz (Iran) geboren und ist dort aufgewachsen. In ihrer Heimat absolvierte sie eine Ausbildung in Malerei und Zeichnung. Im Jahr 2001 wanderte sie nach Deutschland aus und setzte ihre künstlerische Arbeit von Anfang an fort. Die ersten vier Jahre lebte sie in Gelsenkirchen. Nach ihrer Heirat zog sie 2005 nach Wuppertal. Seitdem lebt und arbeitet sie als Künstlerin in Wuppertal.

Der Text im Heft ist in Farsi, der Muttersprache Zahra Hassanabadi abgedruckt.
Hier finden Sie die Übersetzung. Und hier den in Farsi abgebildetetn Text: Kolumne in Farsi

Ups, einmal rückwärts durch Farsi!
In der aktuellen Ausgabe von die beste Zeit hat unsere Kolumne International und deren Text in Farsi leider einen kleinen Ausflug in die falsche Richtung gemacht – wortwörtlich. Denn für die persische Sprache (auch als Farsi bezeichnet), die von rechts nach links gelesen wird, muss man in Satzprogrammen ein spezielles und leider sehr verstecktes Häkchen setzen. Haben wir nicht gemacht. Ergebnis: Buchstaben-Salat mit wenig Sinn. Das tut uns sehr, sehr leid! Wir bitten um Entschuldigung – insbesondere bei der Autorin Zahara Hassanabadi –für diesen typografischen Tanz in die falsche Richtung – und liefern hier den korrekt gesetzten Text nach. Diesmal ganz ohne Stolperfallen: Kolumne in Farsi

Zwei Heimaten, ein Atelier: Meine Wege nach Wuppertal

Ich komme aus Shiraz – einer Stadt mit uralter Kultur, mit Poesie, Gärten und Licht. Wuppertal war auf den ersten Blick das Gegenteil: grau, industriell, regennass. Und doch sollte gerade diese Stadt mein künstlerisches Zuhause werden.

Zum ersten Mal hörte ich „Wuppertal“, als meine Freundin Karin in Gelsenkirchen von einem Tanzstück von Pina Bausch sprach. Damals ahnte ich nicht, wie nah mir dieser Name noch kommen würde.

2002 begleitete ich ein iranisches Teppichweber-Team nach Deutschland. Unser Gruppenleiter organisierte eine Fahrt mit der Schwebebahn – es war mein erstes Erlebnis in dieser Stadt. Die alten Fassaden, die melancholische Stimmung: etwas berührte mich.

2004 lernte ich Tom kennen. Ein Jahr später heirateten wir, ich zog nach Wuppertal.

Ich erfuhr, dass wir in der Nähe des Engels-Hauses wohnen – Friedrich Engels, der den zweiten und dritten Band von Marx „Das Kapital“ veröffentlicht hat. Ich kann mich sehr gut erinnern, denn allein der Besitz dieses Buches war in meiner Heimat riskant, unter dem Schah wie auch später. Diese Nähe – räumlich und angesichts der Erinnerungen – erscheint mir irgendwie surreal .

Auch der Botanische Garten hier rief Erinnerungen wach: an den Eram-Garten in Shiraz, voller duftender Orangenbäume, Poesie, Geschichte. Zwei Orte, zwei Atmosphären – und doch verbunden.

Meine Kunst hat sich hier verändert. In Wuppertal fand ich Raum, Luft, Offenheit. Ich lernte Künstler:innen kennen, die mich inspirierten – allen voran Ulle Hees. In ihrem Atelier durfte ich zwei Jahre nach ihrem Tod gemeinsam mit Jule Steinbach weiterarbeiten. Das Haus war voller Kunst, Gespräche, Erinnerungen – ein Kraftort.

Wuppertal – mit seiner Geschichte zwischen Industriekultur und Tanztheater – wurde für mich mehr als ein Wohnort. Es wurde ein Resonanzraum. Ich kam aus der persischen Miniatur, aus Teppichen und Erzählungen – und fand hier eine neue Bildsprache.

Und ja – es war eine Zeit des Aufruhrs in Iran, 1979, als das Kino „Cinema Rex“ brannte. Diese Geschichte lebt in mir. Aber auch das: Ich bin nicht nur gekommen, ich bin geblieben. Und habe mich neu verwurzelt – mit Farben, mit Leinwand, mit Erinnerung.

Bagh-e Eram, Botanischer Garten mit Kadscharen-Palast in Shiraz
Bagh-e Eram:
Botanischer Garten mit Kadscharen-Palast in Shiraz
Quelle, gemeinfrei: https://www.flickr.com/photos/dynamosquito/2908594707/sizes/o/in/set-72157605385735390

Zwei Heimaten, ein Atelier: Meine Wege nach Wuppertal

Ich komme aus Shiraz – einer Stadt mit uralter Kultur, mit Poesie, Gärten und Licht. Wuppertal war auf den ersten Blick das Gegenteil: grau, industriell, regennass. Und doch sollte gerade diese Stadt mein künstlerisches Zuhause werden.

Zum ersten Mal hörte ich „Wuppertal“, als meine Freundin Karin in Gelsenkirchen von einem Tanzstück von Pina Bausch sprach. Damals ahnte ich nicht, wie nah mir dieser Name noch kommen würde.

2002 begleitete ich ein iranisches Teppichweber-Team nach Deutschland. Unser Gruppenleiter organisierte eine Fahrt mit der Schwebebahn – es war mein erstes Erlebnis in dieser Stadt. Die alten Fassaden, die melancholische Stimmung: etwas berührte mich.

2004 lernte ich Tom kennen. Ein Jahr später heirateten wir, ich zog nach Wuppertal.

Ich erfuhr, dass wir in der Nähe des Engels-Hauses wohnen – Friedrich Engels, der den zweiten und dritten Band von Marx „Das Kapital“ veröffentlicht hat. Ich kann mich sehr gut erinnern, denn allein der Besitz dieses Buches war in meiner Heimat riskant, unter dem Schah wie auch später. Diese Nähe – räumlich und angesichts der Erinnerungen – erscheint mir irgendwie surreal .

Auch der Botanische Garten hier rief Erinnerungen wach: an den Eram-Garten in Shiraz, voller duftender Orangenbäume, Poesie, Geschichte. Zwei Orte, zwei Atmosphären – und doch verbunden.

Meine Kunst hat sich hier verändert. In Wuppertal fand ich Raum, Luft, Offenheit. Ich lernte Künstler:innen kennen, die mich inspirierten – allen voran Ulle Hees. In ihrem Atelier durfte ich zwei Jahre nach ihrem Tod gemeinsam mit Jule Steinbach weiterarbeiten. Das Haus war voller Kunst, Gespräche, Erinnerungen – ein Kraftort.

Wuppertal – mit seiner Geschichte zwischen Industriekultur und Tanztheater – wurde für mich mehr als ein Wohnort. Es wurde ein Resonanzraum. Ich kam aus der persischen Miniatur, aus Teppichen und Erzählungen – und fand hier eine neue Bildsprache.

Und ja – es war eine Zeit des Aufruhrs in Iran, 1979, als das Kino „Cinema Rex“ brannte. Diese Geschichte lebt in mir. Aber auch das: Ich bin nicht nur gekommen, ich bin geblieben. Und habe mich neu verwurzelt – mit Farben, mit Leinwand, mit Erinnerung.

Bagh-e Eram, Botanischer Garten mit Kadscharen-Palast in Shiraz
Bagh-e Eram:
Botanischer Garten mit Kadscharen-Palast in Shiraz
Quelle, gemeinfrei: https://www.flickr.com/photos/dynamosquito/2908594707/sizes/o/in/set-72157605385735390

Kolumne 02/25

Marketa Kolarova, geboren 1974 in Tschechien, lebt seit 1997 in Wuppertal.
Sie arbeitet selbstständig als Garten- und Spielraumplanerin.

Der Text im Heft ist in Tschechisch, der Muttersprache von Marketa Kolarova abgedruckt.
Hier finden Sie die Übersetzung.

Marx feat. Engels

Zu jedem Umsturz gehört die Beseitigung der alten Symbole. Als ich Mitte der neunziger Jahre nach Wuppertal zog, war in Tschechien bereits die Verwandlung vollbracht gewesen, politisch belastete Städte, Straßen und Institutionen umbenannt, Parolen, Bilder und Statuen weggeräumt. Als Kind hatte ich die allzu häufig abgebildeten bärtigen Männer nicht auseinanderhalten können, und gönnte jetzt der neuen Generation eine Vereinfachung. Alles, was noch blieb, waren Smetanas. Oder Dvořáks. Dass in Wuppertal die Hauptverkehrsstraße nach einem der zwei umgestürzten Herren hieß und dieser Name niemanden zu stören schien, wollte mir in Tschechien keiner glauben, Karl-Marx-Stadt hieß doch neuerdings auch schon wieder Chemnitz.

In meiner Kindheit war ich zunächst schwer sozialistisch indoktriniert gewesen, bis ich als Jugendliche ein paar Jahre zweifeln durfte, um dann im richtigen Augenblick bei der „Wende“ mitwirken und meinen Teenagerjahren Sinn geben zu können. Wahrscheinlich hatte ich sogar kurz an die neue urkapitalistische Chancengleichheit geglaubt, mich zusammen mit allen anderen auf der gleichen Startlinie gesehen und gefreut, bald unser Glück durch Anstrengung und Leistung verdienen zu dürfen. Doch sofort nach dem Startschuss wurden ein paar von uns wie durch Zauber nach vorne katapultiert, andere wurden langsamer, hatten zu hinken angefangen oder fielen sogar um. Manche hatten den Startschuss erst gar nicht gehört und warten bis heute. Nach der Wende wurden in Tschechien und vielen anderen osteuropäischen Ländern nicht nur die Symbole des alten Regimes beseitigt, es wurde auch alles auf links gedreht. Oder eher auf rechts. Das war doch das Mindeste, was die Diktatur des Proletariats verdient hatte! Und diese Laune überdauert in meiner alten Heimat bis heute. Wer sich dort für die Rechte der Angestellten einsetzt oder allzu deutlich sozial engagiert, wird als Kommunist beschimpft. Und das sind und bleiben diejenigen, die vor der Wende politische Prozesse inszeniert und vor allem in den fünfziger Jahren unschuldige Leute hingerichtet hatten. Sie hatten die Grenzen dicht gemacht und geschossen. „Kommunisten hätten längst verboten werden sollen.“ Der Satz „Es war doch nicht alles schlecht“ hat heute in Tschechien den gleichen Klang wie in Nachkriegsdeutschland.

Die Chemnitzer hatten einen bärtigen Riesenkopf behalten und vor ein paar Jahren durch den Spruch „Chemnitz ist weder grau noch braun“ ergänzt. Die Kulturhauptstadt Europas 2025 präsentiert sich trotz ihrer DDR-Vergangenheit selbstbewusst und ohne schlechtes Gewissen. In Wuppertal gibt es auch eine Statue, es müsste der Andere sein. Zu seinem 200. Geburtstag vor fünf Jahren wurden überall Fassadenbilder aufgemalt und Aktionen durchgeführt. Die Stadtverwaltungen von Chemnitz und Wuppertal ziehen Sachen durch, für die sie sich in Tschechien beinah vor Gericht verantworten müssten. Dabei glaubt an die Diktatur des Proletariats in Deutschland nur eine winzige Minderheit. Die Köpfe ihrer Väter sind zum Kulturobjekt geworden.  

Eines der diesjährigen Chemnitzer kulturellen Projekte heißt #3000Garagen. Diese einfachen Bauten des kleinen Mannes, die im Sozialismus zu fast jeder Plattenbauwohnung gehörten und überwiegend als Gemeinschaftsprojekte erstellt wurden, gab es überall im Ostblock. Mein Opa hatte auch eine. Wenn meine Großeltern mit dem Auto von der Pilzsuche kamen, wurde Oma mit dem Pilzkorb vor dem Haus abgesetzt, und Opa fuhr fort. Als er aus der Garage auf dem Mofa zurückkam, hatte Oma schon das Abendessen fertig, die Pilze geputzt, eingekocht oder zu Trocknen ausgelegt und schimpfte liebevoll vor sich hin. Ich glaube, dass die Garage das Geheimnis ihrer langen Ehe war. Nicht nur die Chemnitzer können also Geschichten rund um die Garagen erzählen, sie sind aber die ersten, die auf die Idee kamen. Sie machen die Überbleibsel des Sozialismus durch künstlerische Aufbereitung sexy. Lasst uns in der Heimatstadt des anderen Bartträgers als Spiegelung bei der BUGA Wuppertal 2031 die Kleingärten präsentieren. Sie sind nämlich das Sozialistischste, was mir hier bisher begegnete, mit allen guten und auch schlechten Seiten. Ich skizzierte mir zum Projekt #800Gärten bereits ein paar Ideen, scheitere aber bisher noch an den gesetzlichen Ruhezeiten. Ob die Besucher bereit wären, nur flüsternd durch die Anlagen zu schreiten?

Standbild Friedrich Engels in Wuppertal vor dem Engels Haus

Kolumne 01/25

Malgorzata Duzynski, ist Diplom-Sozialpädagogin und 59 Jahre alt. Sie arbeitet bei der Stadt Wuppertal im Ressort Zuwanderung und Migration.

1987 ist Sie mit ihrem Mann aus Polen (Wrocław) ausgewandert. Sie schreibt darüber, wie Sie die Kultur hier in der Region erlebt, und was Sie aus der Kultur Ihrer Heimat vermisst.

Der Text im Heft ist in Polinisch, der Muttersprache von Malgorzata Duzynski abgedruckt.
Hier finden Sie die Übersetzung.

Dazwischen zu Hause

Wuppertal wurde im Jahr 1987 zu meiner zweiten Heimat – zu einem neuen und unbekannten Ort. Ich bin mit meinem Mann in dieser Stadt angekommen, mit dem Gepäck meines bisherigen Lebens in der einen Hand und andererseits mit einem leeren Koffer in der Hoffnung, ihn mit neuem Leben und mit neuen Erfahrungen zu füllen.

Ich wurde von einer neuen Umgebung mit neuen Menschen begrüßt, einer anderen Art der Kommunikation, einer anderen Mentalität und einer anderen Art zu leben, mit anderen Lebenserfahrungen, die unter anderem mit dem politischen System zusammenhängen. Ich war 22 Jahre alt. Ich machte mich auf den Weg, um die neue Welt zu erkunden. Die politische Lage in Polen und die Überzeugung, dass es keine Aussicht auf ein anderes Leben gab, waren die Gründe dafür, dass ich mit meinem Mann wegging und die Grenzen des Landes, in dem ich geboren und aufgewachsen war, verließ.

Ausgestiegen am Bahnhof Wuppertal-Elberfeld, wusste ich nicht konkret, was mich erwartete. Ich wünschte mir, eine andere Welt zu erkunden – und diese wollte ich ohne Grenzen. Gleichzeitig wollte ich, dass diese neue Welt auch mich kennenlernt. So kam es zu der ersten Herausforderung – der Suche nach gemeinsamen Kommunikationswegen, die es ermöglichen sollten, mich kennenzulernen, miteinander zu kommunizieren und sich gegenseitig zu verstehen.

Die Anfänge waren für mich aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht einfach. Das Ergebnis waren die Zusammenkunft überwiegend mit dem polnischen Kulturumfeld und die Teilnahme an Veranstaltungen, die von diesem Umfeld organisiert wurden. Als meine Sprachkenntnisse besser wurden, entwickelte sich in mir ein Gefühl von Mut, und die anfängliche Schüchternheit schwand immer mehr dahin. Es gab einen Moment, an dem ich spürte, dass ich mehr wollte. Also trat ich aus meiner Hülle der Unsicherheit hervor und machte mich auf den Weg, die Stadt kulturell zu erobern, indem ich (in gebrochenem Deutsch) Eintrittskarten für die Oper, fürs Kino oder für Veranstaltungen kaufte (organisiert von anderen Gruppen, darunter solchen, die die Kultur zweier Länder fördern). Es gab genug Auswahl.

Mein Glück war, dass ich die einheimischen Menschen schnell kennenlernte, die sich um mich und meinem Mann kümmerten und uns die Welt aus der Perspektive ihrer eigenen Erfahrungen zeigten. Wir haben hart und eifrig gelernt, und die Motivation war der Wunsch, uns an die neue Umgebung zu gewöhnen und uns in sie zu integrieren – dies ermöglichte es uns, die Angst vor Fehlern und Irrtümern zu überwinden, die wir regelmäßig gemacht hatten und über die wir oft gemeinsam mit anderen lachten.

So lernte ich Wuppertal, seine Geschichte und seine Kultur kennen, ohne den Kontakt zu meiner Heimatkultur zu verlieren und zu den Menschen, die diese Kultur geschaffen und gepflegt hatten.

Jeder von uns „Neuzugewanderten“ hatte die Wahl, wie sehr er/sie die neue Heimat kennenlernen wollte, die er/sie freiwillig gewählt hatte. Wir waren uns der Unterschiede zwischen unseren Ländern sehr bewusst, die unter anderem in deren politischen Systemen begründet waren. Gleichzeitig entdeckten wir viele Gemeinsamkeiten – die Musik von Chopin und Strauss, die Malerei van Goghs, Goethes Gedichte, viele ähnliche Traditionen und die gemeinsame Geschichte. Die Grenzen verschwanden hier.

Eine große Rolle bei der Auflösung der kulturellen Barrieren und Grenzen in Wuppertal hatten bereits damals wie auch heute die Caritas, der Polnische Club oder die Polnische Katholische Mission. Sie wurden für viele zu einer Brücke zum Kennenlernen der polnischen und der deutschen Kultur. Viele Projekte und Initiativen der Stadt Wuppertal sowie sozialer Organisationen ermöglichen Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kreisen den Zugang zu Kultur und kulturellen Aktivitäten. Ein gutes Beispiel hierfür sind die OST-WEST-KONTAKTE oder die Aktivitäten der Bergischen Musikschule, wo ich notabene seit Frühjahr dieses Jahres im Frauenchor WoW (Women of Wuppertal) mitsingen darf. Das gemeinsame Singen in diesem Chor ist für mich eine neue Erfahrung, die mir das Kennenlernen mir noch unbekannter Welten von Frauen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen bietet. Auch hier erlebe ich, dass die Grenzen verschwinden.

Eine wichtige Brücke der Integration durch Kultur war die Öffnung der Grenzen gen Osten, darunter Polen. Der Radius des Kennenlernens der Menschen, ihrer Geschichte, Tradition und Kultur wurde breiter, wodurch das Bild der Menschen aus Polen, das oft nur aus den Medien oder vom Hörensagen bekannt war, in vielen Fällen korrigiert werden konnte.

Trotz vieler kultureller Angebote in Wuppertal fühle ich persönlich ein wenig das Verlangen nach Mehr. Wenn ich das Programm der Stadthalle oder der Kinos durchblättere oder Radio Wuppertal höre, stelle ich fest, dass das kulturelle Programm mit Angeboten aus Polen intensiviert werden könnte. Persönlich fehlen mir beispielsweise polnische Musik oder die Ausstrahlung guter polnischer, international bekannter Filme, Auftritte des Theaters aus Polen, Besuche berühmter Persönlichkeiten aus der Welt der Kultur (und der Politik), polnische Literaturveranstaltungen mit den Autoren, aber auch ein polnischer Stand auf dem Weihnachtsmarkt in Barmen mit traditionellen polnischen Kunstgegenständen.

Ich wünsche mir, dass Polen nicht nur mit Bigos und mit Tourismus an das Polnische Meer nach Kołobrzeg in Verbindung gebracht wird; ich wünschte, dass unsere Unterschiede uns verbinden und dass wir neugierig aufeinander sind …

Ich bin und bleibe eine Between – ich lebe „dazwischen“ in zwei Welten, bei denen ich zulassen durfte, dass sie sich gegenseitig durchdringen. Es hat keine dieser Welten negativ beeinflusst oder ihr geschadet, im Gegenteil: Ich habe gelernt, in beiden zu leben. Es hat mich bereichert und mich unabhängiger gemacht, indem es mir das Gefühl gab, dass ich mich in jeder dieser Welten wie zu Hause fühlen kann.

alter Koffer